Wahlbeobachtung mal anders: Masterstudierende der Germanistik haben in diesem Sommersemester den Wahlkampf in Sachsen-Anhalt mit linguistischen Analysen begleitet

05.07.2021 -  

Bild zur PM bWahlbeobachtung mal anders: Studierende der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg nahmen die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im Juni 2021 zum Anlass, mithilfe der Methoden einer linguistischen Gesellschaftsforschung den Wahlkampf der sechs aussichtsreichsten Parteien zu analysieren. In auf je eine der Parteien spezialisierten Arbeitsgruppen beobachteten sie im Rahmen eines Forschungsseminars von Dr. Kristin Kuck und Prof. Kersten Sven Roth die Phase des Wahlkampfes der Parteien vor der Wahl, das strategische Verhalten der Parteien am Wahlabend selbst und die Reaktionen auf den Wahlausgang. Neben den medialen Kampagnen und Inszenierungen wurden auch die konkrete Wahlkampfsprache in den Parteiprogrammen und Internetauftritte sowie Plakatkampagnen zum Untersuchungsobjekt. Nun erstellen die Studierenden Poster mit ihren Ergebnissen über die Parteien und Strategien, die sie auf der diesjährigen Wahlkampfsprache-Tagung der Fachgesellschaft „AG Sprache in der Politik“ im September 2021 präsentieren und mit den Expertinnen und Experten vor Ort diskutieren werden.

Ganz grundsätzlich zeigen die Analysen, dass sich in Sachsen-Anhalt ein Muster fortsetzt, dass schon die letzten Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg geprägt hat: Die größte Regierungspartei setzte ganz auf einen „Landesvater“-Wahlkampf der Kontinuität, LINKE und AfD profilierten sich mit scharfer Kritik als Opposition und die FDP versuchte sich zur Stimme einer notwendigen Aufbruchstimmung zu machen. Wie sehr die ungewöhnliche „Kenia-Koalition“ eine entsprechende Positionierung für die kleineren Regierungsparteien machte, zeigt vor allen Dingen die Analyse des SPD-Wahlprogramms, das die bisherige Regierungsverantwortung mit einem eher oppositionstypishen Forderungskatalog zu verbinden versucht.

Die Studierenden kamen zu dem Schluss, dass sich die AfD am meisten des sogenannten negative campainings bediente. Dabei wird die eigene Partei durch Abwerten der anderen Parteien aufgewertet. Die CDU setzte hingegen auf Personalisierung und präsentierte vor allem Haseloff. Bei den Grünen stellten die Studierenden eine irritierend unterschiedliche Gewichtung von Themen zwischen der Plakatkampagne und dem Wahlprogramm fest. Bei den LINKEN war das vorwiegend kritische mediale Echo auf die Kampagne dominiert von jenem „Nehmt den Wessis das Kommando“-Plakat, mit dem man sich einerseits als Ost-Partei zu profilieren versuchte, das man aber andererseits nicht zu plakatieren beschlossen hatte.

Die Corona-Pandemie prägte auch die Stimmung vor dieser Landtagswahl in hohem Maße: Die Parteien mussten ihre Strategien an die veränderte Situation anpassen, intensivierten ihre Anstrengungen, Wähler*innen über das Internet zu erreichen und vertraten unterschiedliche Vorstellungen, mit welchen Maßnahmen die Pandemie am besten zu bewältigen sei. Insgesamt ist festzustellen, dass sich der Ton verschärft hat. Auch der Wahlkampf an sich hat sich verändert: Er ist stärker auf Personen fokussiert, ist kämpferischer und drastischer geworden.

Die theoretischen und methodischen Kenntnisse erwarben die Studierenden durch Gastredner, die ihre Expertise und eigenen Forschungen in Zoom-Konferenzen mit den Teilnehmenden teilten: Zu Gast waren Dr. Steffen Pappert von der Universität Essen, der über Plakatkampagnen sprach, Prof. Dr. Josef Klein von der FU Berlin, der den Studierenden Einblicke in die Analyse von Wahlprogrammen gab, und Dr. Sascha Michel von der RWTH Aachen, der seine Forschungsergebnisse über politische Kommunikation in Social Media teilte.

Letzte Änderung: 31.07.2021 - Ansprechpartner: Webmaster Germanistik