Ringvorlesung „Tabu. Über das (Un-)Sagbare, (Un-)Machbare und (Un-)Berührbare“

Die alljährliche interdisziplinäre Ringvorlesung der FHW wird im Sommersemester 2022 vom Team der Germanistischen Linguistik organisiert und widmet sich dem Thema „Tabu“. Aus den verschiedenen Perspektiven ganz unterschiedlicher Fächer sprechen einschlägige Dozierende und Forschende der FHW, aber auch renommierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler anderer Universitäten darüber, was Tabus sind, wie sie funktionieren und welche Relevanz sie als Gegenstände der jeweiligen Disziplin haben.

James Cook stieß vor mehr als 200 Jahren auf seinen Reisen in die Südsee auf das Phänomen Tabu in der Kultur der dortigen Bevölkerung. Reiseerzählungen und -berichte trafen damals auf eine Faszination für ‚das Exotische‘ und das Tabu war fest mit einem Südseestereotyp verbunden. Spätestens jedoch mit Sigmund Freuds Totem und Tabu hatte man das Prinzip der Tabuisierung auch in der eigenen Kultur entdeckt, allerdings deutlich stärker auf der Kommunikationsebene. Themen wie Tod, Sex, Geld, bestimmte Aspekte der Körperlichkeit sind einer enormen Thematisierungshemmung unterworfen. Aber auch auf der Handlungsebene und sogar auf der Wahrnehmungsebene sind Tabus zu finden (Kraft 2004). Es handelt sind um Meidegebote einer Gemeinschaft, bei deren Missachtung der soziale Ausschluss befürchtet wird. Im Gegensatz zu Verboten wirken sie von innen heraus und lösen beim Individuum emotionale Abwehrreaktionen wie Scham und Ekel aus. Sie ordnen und begrenzen das soziale Zusammenleben, indem sie Sagbarkeits-, Zeigbarkeits- und Machbarkeitsgrenzen in alle sozialen Praktiken einziehen. Sie legen fest, was von Mitgliedern einer Gruppe an Gedanken, Handlungen, Gefühlen und Themen zugelassen wird und was nicht, was zu der Gesellschaft gehört und was nicht (Schröder 1997). In den letzten Jahren sind viele Tabu-Diskurse geführt worden, in denen Tabugrenzen verhandelt wurden. In einigen werden Tabus aufgebrochen und in anderen werden Tabus verschärft. In manchen Tabudiskursen werden begangene Tabubrüche thematisiert. Zum Teil aber gibt es auch Diskurse, in denen Tabus einfach wirken, ohne, dass sie ins Bewusstsein gelangen. Tabudiskurse werden auch in Bezug auf ethische Grenzen geführt und begleiten medizinische und technische Entwicklungen. Auch im Alltag sind Tabus omnipräsent und beeinflussen alltägliche soziale Praktiken, wie z.B. das Nähe- und Berührungstabu auch den Abstand miteinander kommunizierender Personen regelt. Die Vorlesung beschäftigt sich einerseits mit dem Phänomen Tabu auf theoretischer und historischer Ebene und nimmt dann aus verschiedenen Fächern Forschungen zu speziellen Tabus und Tabudiskursen in den Blick.

Programm:

Datum

Fach

Sitzungsthema/Arbeitstitel

ReferentIn

12.04.22

Einführung

Aktuelle Tabudiskurse und die Relevanz von Sagbarkeitsgrenzen

Kristin Kuck (FHW)

19.04.22

Ethnologie

„Tabu ist, wie ich bereits erwähnt habe, ein Wort von weitumfassender Bedeutung.“ Der polynesische Kosmos, James Cook, das Tabu und die Aufklärung.

Matthias Claudius Hofmann (Frankfurt)

26.04.22

Sprachwissenschaft

Tabu in der Alltagssprache Bedeutungswandel des Tabu-Begriffs

Thomas Niehr (Aachen)

03.05.22

Philosophie

Adornos Begriff des Tabus

Antonio Roselli (FHW)

10.05.22

Semiotik

Subkultur in Schöneberg. Ein Stadtviertel im Zeichen des Regenbogens

Ernest W.B. Hess-Lüttich (Bern)

17.05.22

Erziehungswissenschaften

Grenzen des Sagbaren? (De-) Thematisierungen von Rassismus in Schule und Unterricht

Dorothee Schwendowius (FHW)

24.05.22

Medienbildung/Pädagogik

Anything goes im wild wild web? Eine bildungstheoretische Perspektive auf Entgrenzungsdynamiken in digitalen Öffentlichkeiten.

Dan Verständig (FHW)

31.05.22

Politikwissenschaft

Tabuisierung von Gewalt der libyschen Rebellen gegen das Ghaddafi-Regime (Vortragssprache Englisch)

Alexander Spencer (FHW)

07.06.22

Kulturwissenschaft

Tabus, Tabubrüche und Tabuvorwürfe in Medien, Politik und Wissenschaft im Corona-Diskurs

Hartmut Schröder (Frankfurt/Oder)

14.06.22

Germanistische Literaturwissenschaft

Tabuisierung des Lachens? Zum Umgang mit Tabus in Komik, Witz, Humor

Thorsten Unger (FHW)

21.06.22

Genderstudies

Normalisierung und Tabu(bruch). Zu den (umkämpften) gesellschaftlichen & institutionellen Voraussetzungen von Gewalt gegen Frauen*

Tina Jung (FHW)

28.06.22

Sozialwissenschaft

Zur Dialektik von Tabuisierung und Enttabuisierung am Beispiel psychischer Erkrankungen und anderer "unsichtbarer" Krankheiten

Ernst von Kardorff (Berlin)

05.07.22

Diskurstheorie

Sagbarkeits-Sagbarkeit

Jürgen Spitzmüller (Wien)

 

Die Vorlesung ist Teil des Curriculums verschiedener Studiengänge an der OvGU, für die eine Klausur zur Veranstaltung angeboten wird.

Selbstverständlich sind aber alle interessierten Studierenden herzlich eingeladen!

Letzte Änderung: 11.03.2022 - Ansprechpartner: Webmaster Germanistik