"Im Gespräch bleiben" - Arbeitsstelle für linguistische Gesellschaftsforschung lädt ein zur 1. AlGf-Tagung

19.10.2021 -  

Im Gespräch bleiben – Gefahren und Chancen für den demokratischen Diskurs“ lautete das Thema der 1. AlGf-Tagung, die am 7. Oktober im Guericke-Zentrum in der historischen Lukas-Klause in Magdeburg stattfand. Dem Thema gemäß war diese Veranstaltung nicht als klassische wissenschaftliche Tagung angelegt, sondern vielmehr als lange Gesprächs- und Diskussionsrunde in dynamisch wechselnden Besetzungen. Ziel war es, strukturiert durch pointierte Impulse aus verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen, aber auch aus Verwaltung, Medien und politischer Bildung, verschiedene Perspektiven auf das weitgespannte Thema nebeineinander zu stellen und miteinander in Austausch zu bringen. Und selbstverständlich war die Frage, welche Rolle bei den ganz vielfältigen Herausforderungen, die so zur Sprache kamen, die linguistische Gesellschaftsforschung im Allgemeinen und die Arbeitsstelle für linguistische Gesellschaftsforschung im Besondern spielen kann, dabei immer von besonderer Bedeutung.

Die Tagung war gleichzeitig so etwas wie der nachgeholte öffentliche Auftakt für die Arbeitsstelle. Ende Februar hatte das AlGf-Team nur prosaisch verkündet: „Wir sind da!“ und versprochen, nun die Arbeit aufzunehmen. Das Versprechen wurde inzwischen vielfach erfüllt und so hat sich die junge Einrichtung die lobenden Worte des Rektors der OVGU Magdeburg, Prof. Dr. Jens Strackeljan, zur Eröffnung des Tages wohl verdient. Dieser würdigte die AlGf als ein wichtiges Element im strategischen Konzept einer Universität, die mit ihrem deutlichen Profil in der angewandten Forschung stets darauf angewiesen sei, den Kontakt zur Gesellschaft zu halten und mit ihr im Gespräch zu bleiben. Für die weiteren Schritte sagte er der Einrichtung dieselbe Unterstützung zu, die sie von Seiten ihrer Heimatuniversität auch bisher erfahren hat.

Der erste thematische Block gehörte dann der Perspektive der Sozialforschung. Gleich drei Vertreterinnen und Vertreter dieses Fachbereichs an der OVGU waren der Einladung gefolgt und sorgten mit ihren ganz unterschiedlichen und gleichzeitig doch auch mehrfach miteinander verflochtenen Aspekten des Themas von Beginn an für Diskussionsstoff, auf den den ganzen Tag über zurückzukommen war. Prof.‘in Heike Ohlbrecht sprach über die Frage, inwieweit die Corona-Krise sich in Untersuchungen zum subjektiven Belastungserleben als eine Frage fortbestehender oder gar verschärfter Divergenzen zwischen den Geschlechtern interpretieren lässt – und musste sie in ihrem Impuls tendenziell bejahen. Prof. Jan Delhey dagegen konnte die von ihm gestellte Frage, ob sich in sozialwissenschaftlichen Studien für Deutschland eine „Krise der Anerkennung“ nachweisen lässt eher nicht bestätigen. Prof. Alexander Spencer schließlich rückte mit dem Narrativ des politischen „Fehlers“ im öffentlichen Diskurs eine diskusanalytische Frage in den Mittelpunkt, die sich schon methodisch naturgemäß mit zentralen Fragen der gesellschaftswissenschaftlichen Linguistik  berührt oder gar deckt. Abdoul Couibaly, der Koordinator der Stadt Magdeburg für Integration und Zuwanderung, der über die Möglichkeiten und Hürden sprach, das „Spannungsfeld zwischen Integrationspolitik und dem demokratischen Diskurs“ zu überwinden, war ein wichtiges Themenfeld der AlGf angesprochen, das sich nicht zuletzt auch vor dem Hintergrund der zuvor aus den Sozialwissenschaften eingeführten Aspekte lebendig diskutieren ließ.

Im ersten Block am Nachmittag betrat zunächst Daniel Kraft, Leiter der Stabsstelle Kommunikation bei der Bundeszentrale für politische Bildung und Mitglied des AlGf-Beirats, eines der anderen Themenfelder der Arbeitsstelle, indem er nach Möglichkeiten der „Politischen Partizipation im digitalen Raum“ fragte – die seiner Meinung nach eher beschränkt sind, während er die Chancen der politischen Bildung mit digitalen Mitteln optimistisch betrachtete. Die Rolle der journalistischen Medien beim Versuch, „die Menschen“ hineinzuholen in den öffentlich-politischen Diskurs beleuchtete am Beispiel der „Reportertour zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 2021“ Dr. Sebastian Mantei vom MDR, der schon seit langem und in verschiedener Form mit der Germanistik an der OVGU kooperiert.

Im letzten Teil des Gesprächs stand dann die Frage im Mittelpunkt, wie die Perspektive der linguistischen Gesellschaftsforschung weiterhelfen kann im komplexen Verhältnis zwischen Wissenschaft und Gesellschaft – einem weiteren AlGf-Themenfeld. Dabei zeigte gleich der Impuls von Prof.‘in Julia Arlinghaus, die in Magdeburg das Frauenhofer-Institut für Fabrikbetrieb und -automatisierung leitet, am Beispiel ihres Foschungsbereichs anschaulich, wie sehr sich gerade dort, wo technische Innovation mit Akzeptanzhürden umzugehen hat, Perspektiven für die methodische Analyse herrschender Diskurse ergeben, wie sie an der AlGf anwendungsorientiert geleistet wird. Wie sehr solche Wege zur Verständigung zwischen Wissenschaft und Bürgerschaft auch für eine Stadt wie Magdeburg als Hochschulstandort wichtig sind, erläuterte am Beispiel des „Teams Wissenschaft“ beim Oberbürgermeister der Stadt dessen Leiterin Janine Lehmann. Den Schlusspunkt setzte Dr. Carsten Thoms. Der Leiter des Strategischen Forschungsmanagements und ebenfalls AlGf-Beirat brachte in seinem Impuls auf den Punkt, wie die spezifische Perspektive der Arbeitsstelle helfen kann, Wissenschaft und Gesellschaft im Gespräch zu halten – oder sie überhaupt erst ins Gespräch zu kommen: Die linguistische Gesellschaftsforschung könne den Wissenschaften helfen, die Menschen zu erreichen, indem sie wegführe vom reinen Erklärdiskurs hin zur Voraussetzung jeder echten Interaktion: dem Zuhören.

Das AlGf-Team dankt allen, die an diesem besonderen Tag mit uns diskutiert haben. Wieder haben sich neue Themen und Kooperationspotenzial auf ganz unterschiedlichen Ebenen ergeben.

Wir bleiben – definitiv – im Gespräch.

Letzte Änderung: 26.10.2021 - Ansprechpartner: Webmaster Germanistik